Bart Moeyaert: “Hinter der Milchstraße”

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Bart Moeyaert: “Hinter der Milchstraße
Aus dem Niederländischen von Miriam Pressler
dtv € 8,95
Gebunden im Hanser Verlag € 14,90
Als E-Book € 8,99
Jugendbuch ab 11

Da flammt natürlich sofort die Diskussion wieder auf: Ist das ein Kinder/Jugendbuch? Verstehen das Kinder ab 10 Jahren? Muss das so sein? Kann der Auto nicht einfach nur ne spannende Geschichte schreiben? Drei Bände, oder sieben? Sind Bücher, wie Heidelbachs “Rosel von Melaten”, oder Stian Holes “Morkels Alphabet” noch Bilderbücher?
Ja, ja, das sind sie. Wir müssen nur wissen, wie wir damit umgehen. Anders lesen, anders vorlesen. Uns auf die Gedanken der Kinder einlassen. Dass dies nicht so einfach ist, wie beim Glitzerfisch, oder bei Findus und Pettersson liegt auf der Hand.
Bart Moeyaerts Buch über die Tage und Wochen im glühenden Sommer mit Oskar, seinem Bruder Bossie und dem Mädchen Geesje liegt bei uns in der Buchhandlung auch auf dem Tisch mit Bücher für Erwachsene. Einfach deshalb, weil es ein kleiner Text ist, der Sie gefangen nimmt. Und wenn er einen anderen Umschlag hätte, würden sich die Besprechungen überschlagen. wie sich ein Autor so fein, so unaufdringlich und doch intensiv in die Kinderseele des (vielleicht 7-jährigen) Oskars hineinversetzen kann. Wenn Sie das Buch gelesen haben (Sie werden es nicht aus der Hand legen), dann verstehen Sie auch die Intension des Autors und merken, dass es natürlich auch und gerade ein Buch für Kinder und Jugendliche ist. Mit all seiner Fremdheit, seiner anderen Art eine Geschichte zu erzählen.
Oskar, sein großer Bruder Bossie und die dazugehörende Geesje (immer mit einem Buch vor den Augen) verbringen die drückend heissen Tage der Sommerferien in ihrem Clubhaus ohne Wände und ohne Dach, das in Wirklichkeit nur eine Mauer ist. Von dort oben beobachten sie , das Wenige, was sich auf der darunterliegenden Milchstraße abspielt. Die Milchstraße, die eigentlich weit entfernt am nächtlichen Himmel hängt, aber halt auch in der prallen Sonne, direkt vor ihren Füßen. Sie sehen auf einen Schrottplatz und kommentieren das Gassigehen der alte Nancy Sinatra mit ihrem Hund. Wobei es eher ein Schlurfen ist. Von beiden. Sie wetten, wer von beiden wohl als erstes stirbt – Nancy oder der Hund. Diese Wette verändert einiges, in der stehengebliebenen Zeit des Sommers, die an das Bild von Dalis geschmolzenen Uhren denken lässt.
Bossie und Oskar geraten sich in die Haare, Geesjes Tante liegt im Sterben, Nancy Sinatra taucht nicht mehr auf. Der Hund bleibt verschwunden. Ein fremdes Mädchen taucht auf und verpasst Oskar ein Veilchen. Zuhause versteckt sich der Vater, wie üblich hinter seiner Arbeit. Oskars und Bossies Mutter ist seit Wochen im Süden Italiens, hat den blauen Koffer gepackt um den Wirrwarr in ihrem Kopf sortieren zu können. Was Oskar bleibt, sind ihre Postkarten und Briefe, in denen allerdings nur Banales steht. Für ihn verstecken sich hinter diesen Zeilen jedoch fremde Welten, Hoffnungen und Sehnsüchte.
Für Oskar gibt es eine Fahrt mit dem klapprigen LKW der Beiden vom Schrottplatz, die Alteisisch reden. Raus aufs Land zu einer besonderen Frau und einem Mädchen im Rollstuhl. Eine andere Welt, die er nicht verkraftet. Oskar verrät Geesje, konkurriert mit seinem älteren Bruder und hofft, dass alles wieder so wird, wie es einmal war.
Bart Moeyaert ist ein Meister im Andeuten, im Skizzieren und kann mit einem feinen Pinselstrich ein großes Bild in unseren Köpfen entstehen lassen. Er versteht es in seiner unaufgeregten Sprache große Gefühle zu beschreiben, für die andere Autoren ganze Seiten bräuchten. Es ist das Chaos im Kopf von Oskar (nicht nur bei seiner Mutter). Es geht um Verlust und Hoffen, Zuneigung, Hingabe, Schuld und Ausgeliefertsein und um einen Sommer, wie es ihn nicht mehr geben wird. Aber auch um Versöhnung, um Annäherung, Liebe und Trauer.

Lesen Sie “Hinter der Milchstraße” und Sie werden das Buch nicht mehr vergessen. Und wenn Oskars Papa am Ende aufgeregt am Telefon redet, aufgekratzt aus seinem Arbeitszimmer stürmt, ahnen wir, das die Mama doch vielleicht wieder kommt.

Als der Eismann in die Sandstraße einbog, schlug ich vor, wir sollten uns ein Eis holen. Ich sagte, ich hätte Geld für Stracciatellalalala.
Sie wollte kein Eis.
Ich sagte: “Aber ich habe Geld.”
“Aber ich habe keine Lust”, sagt Geesje.
Ich fragte, wie es mit ihrem Buch gehe.
“Gut”, sagte sie. “Fast fertig”
Ich sagte: “Ich warte.”

Was für Ende. Zum Niederknien.

Leseprobe

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